Udo Kupsch

Geschichten dafür

Mit dem weissen Drachen fliegen

by rockrebell - Dezember 26th, 2009.
Filed under: Fantasy. Tagged as: , , , .

Da stand mal einer, mitten auf dem Feld, und träumte vor sich hin. Das war so einer, der nie etwas erreicht hatte. Der nie etwas aus seinem Leben gemacht hatte, der nichts konnte, der nichts ernst nahm und einfach so in den Tag hinein lebte, und von dem keiner wusste, wo er hergekommen war.
Die anderen redeten nicht gut über ihn, weil er so ein Taugenichts war, ein Tagedieb, noch nicht mal ein Tagelöhner. Der schlief im Wald, wenn es Sommer war, und schlich sich in die Scheunen im Winter. Manchmal konntest Du ihn im Regen tanzen sehen, ganz nackt, und der schämte sich noch nicht mal, so einfältig war der.

Trotzdem wurde er geduldet, weil er mit den Kindern spielte, und so manche Handreichung bei der täglichen Arbeit machte, die sonst keiner machen wollte. Und er hatte ja keinem was getan, ausser, dass er manchmal um Essen bettelte. Aber er verlangte nie einen Lohn oder einen Dank, wenn half, und er half, ohne dass ihn einer fragen musste. Ein komischer Kauz eben, den man zwar grüsste, aber sonst nicht viel mit ihm zu tun hatte.

Und wenn einer traurig war, dann wusste der komische Kerl scheinbar immer, wer das war, und setzte sich einfach dazu. Sonst machte das keiner, denn wenn einer traurig war, dann liess man den doch in Ruhe. Aber jeder wusste, dass der komische Kauz eben so war, und so nahm ihm keiner übel, wenn er das machte. Im Gegenteil: Es dauerte meist nicht lange, da hörten die Leute auf zu weinen, und guckten nicht mehr so traurig drein. Den komischen Kauz hatte auch noch keiner sprechen hören, und dachten alle, dass er nicht reden könne. Deshalb stellte er auch keine Fragen, und dem konnte man auch alles erzählen, der hörte solange zu, bis sich einer alles vom Herzen geredet hatte.

Der komische Kauz, so haben ihn alle genannt. Keiner wusste, wie alt er war, er schien noch sehr jung zu sein, so sah er zumindest aus. Und der stellte sich auch an wie ein ganz Junger, wenn er was machen sollte. Immer, wenn man ihm irgendwas auftrug, machte er es falsch. Oder kaputt. Deshalb fragte ihn auch keiner mehr. Aber wenn er half, dann war er auf einmal da, reichte Dir den Hammer, der gerade ausser Reichweite lag, und Du gerade ein Brett in Position halten musstest, das Du dann hättest loslassen müssen. Schwupps, war er da, und reichte Dir den Hammer. Aber mehr schien er nicht zu können.

Da stand er also, der komische Kauz, mitten auf einem Feld, guckte in die Luft, auf die Bäume, den Vögeln hinterher, und schien damit sehr zufrieden zu sein…

Da hörte er plötzlich ein Rauschen in der Luft, so, als ob ein Schwarm riesengrosser Vögel auf einmal aufgeflogen wäre. Und als er sich umdrehte, da stand vor ihm ein grosser, weisser Drache.

“Hallo”, sagte der komische Kauz, und weil kein Mensch in der Nähe war, der ihn hätte hören können, merkte auch niemand, dass er doch sprechen konnte.
“Hallo”, sagte der weisse Drache, und fragte: “Wie heisst Du?”
“Ach, ich hab keinen Namen. Nenn mich, wie Du willst.”
“Das ist ja was, ein Mensch, der keinen Namen hat? Du scheinst ja ein besonderer Mensch zu sein, hm?”
Der komische Kauz überlegte.
“Nein, etwas Besonderes ist wohl nicht an mir. Ich hab nie was aus meinem Leben gemacht, hab nie was erreicht, und nehme nichts ernst. Das sagen die anderen Menschen.”
“Ach. Das sagen sie?”
“Ja. Warum fragst Du das, weisser Drache?”

Der weisse Drache hob den Kopf und lachte.
“Na, ganz einfach. Menschen können uns weisse Drachen normalerweise garnicht sehen, weisst Du? Sie können uns noch nicht einmal hören, und wir meiden ihre Nähe, weil sie so hektisch und ernst und so laut sind. Aber Dich habe ich schon aus der anderen Welt gesehen, und wenn Du noch keinen Namen hast, dann bist Du wohl der, den ich gesucht habe.”
“Du hast mich gesucht? Ich würde sagen, Du hast mich gefunden.”

Da lachte der weisse Drache wieder, und seine warmen, goldfarbenen Augen fingen an zu leuchten.
“Ja, ja, da hast Du Recht, Mensch, ich habe Dich gefunden, und wenn es eine Bestätigung gebraucht hätte, dann hast Du sie mir gerade gegeben.”
Der komische Kauz war neugierig geworden.
“Was ist das für eine andere Welt, weisser Drache?”
“Oh, nun, Du musst wissen, dass es ausser dieser Welt noch viele andere Welten gibt, unzählige Welten sogar, und alle sind belebt mit den unterschiedlichsten Lebewesen. Aber nur die Wenigsten können die anderen Welten und die Lebewesen darin sehen, und Du scheinst mir einer zu sein, der sehen kann. Zumindest die Welt, aus der ich komme.”
“Aber Du kannst doch auch diese Welt sehen.”
“Ja, das stimmt. Ich kann sogar noch mehr Welten sehen, und sogar zwischen den einigen Welten herumreisen. Wir weissen Drachen haben sehr viel Geschick in dieser Sache, weisst Du?”
“Hm, ja, jetzt schon. Aber sag mir, warum hast Du mich denn gesucht?”

Der weisse Drache legte sich auf den Bauch und sah den komischen Kauz lange an. Dann sagte er: “Nun, ich muss es Dir so oder so erzählen. Aber zunächst möchte ich Dir meinen Namen nennen. Dazu musst Du wissen, dass wir weissen Drachen unsere Namen nur sehr selten einem anderen Wesen nennen, sogar unter uns behalten wir unsere Namen meist für uns. Denn unseren Namen wohnt eine grosse Macht inne, wenn er richtig ausgesprochen wird, können damit mächtige Zauber gewirkt werden.”
Da unterbrach der komische Kauz den weissen Drachen.
“Oh, dann möchte ich Deinen Namen garnicht wissen. Ich verstehe nichts von der Zauberei, und würde bestimmt irgendein Unheil anrichten und ihn wahrscheinlich im Schlaf aussprechen.”
“Nein nein, da mach Dir mal keine Sorgen. Ich kann in Dein Herz sehen, weiss Du? Und ich weiss, dass Du soetwas niemals tun würdest, noch nicht einmal unbewusst oder im Schlaf. Und ich sehe auch, dass Du Deinen eigenen Namen nicht kennst, weil Du ihn vergessen wolltest.”

Jetzt war der komische Kauz verblüfft. “Ich wollte meinen Namen vergessen…?”
“Ja, weil auch Dein Name ein sehr mächtiger Name ist. Aber selbst das hast Du vergessen. Die Gründe dafür kann ich jedoch nicht sehen, sie sind selbst mir verborgen.”

“Das verstehe ich nicht, weisser Drache. Warum sollte ich meinen Namen vergessen wollen?”
“Weil Du ein Mensch reinen Herzens bist. Du hast noch all die Gaben und Fähigkeiten, wie sie auch die kleinen Menschenkinder noch besitzen, bevor sie ihnen ausgetrieben werden. In dieser Welt ist die Magie sehr schwach, und wenn sie benutzt wird, dann meist von solchen, die für ihre eigenen Zwecke einsetzen, und das ist nur selten zum Wohle anderer Lebewesen. Aber ich bin sicher, dass Du Dich an all das erinnern wirst, wenn ich Dir Deinen Namen sage.”

“Oh, bitte, weisser Drache, ich glaube, ich möchte meinen Namen garnicht wissen, und erst recht nicht hören, wenn da eine so grosse Macht drin liegt.”
Da lachte der weisse Drache.
“Ich sagte Dir schon, dass Du Dir keine Sorgen deswegen machen brauchst. Du würdst weder meinen, noch Deinen, noch den Namen von irgendeinem anderen Lebewesen jemals zum Nachteil von irgendjemandem einsetzen, nicht unbewusst, nicht freiwillig, und erst recht nicht, wenn Dich jemand dazu zwingen will.”
“Das geht? Jemanden zwingen, einem anderen Menschen zu schaden?”

“Ja, das geht. Menschen können sogar gezwungen werden, sich selbst zu schaden. Das passiert in Deiner Welt andauernd. Die Menschen hier haben sehr viel Angst, weisst Du? Und andere Menschen, die zwar auch Angst haben, aber ihre Gefühle verstecken, vergraben und verdrängen, nutzen diese Angst aus, sie schüren sie sogar mit Lügen.”
Der komische Kauz war entsetzt. “Solche Menschen gibt es?!?”
“Ja, solche Menschen gibt es. Du kannst sie nicht erkennen, was einerseits schlecht ist, aber Du kannst zu nichts gezwungen werden und kennst keine Angst, weil Dein Herz mutig und stark ist.”

Nun sagte der komische Kauz garnichts mehr und war zum ersten Mal in seinem Leben traurig. Er fing an, zu weinen, und schluchzte: “Aber… Aber warum… Warum sind Menschen denn so böse? Niemand tut ihnen was, und bisher dachte ich, dass die Menschen gut sind…”
“Das, mein lieber Freund, liegt daran, dass Du immer das Gute in den Menschen siehst, das in jedem Menschen, in jedem Lebewesen vorhanden ist. Du hast sogar die Gabe, dieses Gute zu stärken, die Menschen zum leuchten zu bringen und ihre Angst und Trauer zu vertreiben.”
“Das… Das kann ich?!?”, wunderte sich der komische Kauz.
“Ja. Oder hast Du noch nie gemerkt, dass die Menschen in Deiner Gegenwart sich freundlicher verhalten, dass ihre Trauer schwindet und ihre Angst auch?”
“Naja, doch… Jetzt, wo Du es sagst, fällt es mir auf, dass es den Menschen besser geht, wenn ich mich neben sie setze, wenn sie traurig, mutlos oder voller Angst sind.”
“Und hast Du Dich noch nie gefragt, woher Du immer weisst, wer gerade traurig ist, oder Angst hat, oder Hilfe braucht?”
“Öhm… Nein. Ehrlich gesagt, nicht. Ich dachte, alle Menschen könnten das.”

Der weisse Drache seufzte. “Ja, das können sie auch. Aber sie haben es vergessen. Deshalb habe ich Dich übrigens gesucht.”
“Jetzt verstehe ich garnichts mehr. Entschuldige bitte, aber könntest Du mir jetzt erklären, warum Du gerade mich gesucht hast?”

Der weisse Drache stand auf.
“Aber natürlich! Sehr gerne sogar. Und das muss ich auch, denn sonst könntest Du Deine Aufgabe ja garnicht erkennen.”
“Ich habe eine Aufgabe?”
“Ja. Aber jetzt – der Reihe nach. Ich werde Dir zuerst Deinen, und dann meinen Namen sagen. Und dann werde ich Dir erklären, was weiter passieren wird. Bist Du bereit dafür?”
“Ich weiss nicht… Ein bisschen Angst habe ich schon, nach allem, was Du mir erzählt hast über die Macht von Namen…”
“Und ich sage Dir gerne nocheinmal, dass Du Dir keine Sorgen machen musst, und auch keine Angst zu haben brauchst.”
“Gut. Ich vertraue Dir.”

Der Drache streckte seinen Hals, so er höher aufragte als der höchste Kirchturm, den der komische Kauz jemals gesehen hatte.
“Dein Name, lieber Freund, lautet ETHERIANUS.”
Der komische Kauz zuckte zusammen, denn plötzlich durfuhr ihn ein so merkwürdiges Gefühl, als sei er mit eiskaltem Wasser übergossen und in eine Grube mit glühenden Kohlen geworfen worden. Er erinnerte sich, dass er einmal ein sehr mächtiger weisser Zauberer gewesen war, und ihm somit auch ein sehr viel längeres Leben beschert war als den anderen Menschen. Er erinnerte sich an einen grossen Krieg, in dem er soviel Elend und Leid gesehen hatte, dass er es nicht ertragen konnte, dieses Wissen ein ganzes Leben lang mit sich herumzutragen.

“Oh, weisser Drache, ich wünschte, Du hättest mir meinen Namen nicht genannt. Denn jetzt erinnere ich mich an eine sehr schlimme Zeit. Aber das alles ist schon lange her, und es schmerzt mich nicht mehr so wie früher.”
“Ja, es scheint, mein liebe Janus, dass die Zeit viele Wunden in Dir geheilt hat. Ich verstehe jetzt auch, warum Du das alles vergessen wolltest, denn nun kann ich es auch sehen. Aber das liegt lange zurück, und wenn es damals für Dich nicht zu ertragen war, dann ist es wohl jetzt an der Zeit, dass Du all diese Erlebnisse endlich verarbeiten kannst.”

“Das hast Du wohl recht, weisser Drache. Ich spüre auch, dass es Zeit wird, mit all dem Elend und Leid meinen Frieden zu schliessen. Doch nun sage mir Deinen Namen, denn ich fühle, dass es wichtig ist.”

“Oh ja, Janus, das ist es wirklich. Mein Name lautet FA ÁCHIOR AK ÉLCHÉM.”
Janus spürte, wie die Luft zu vibrieren begann, als Áchior seinen Namen aussprach, wie sich gewaltige Kräfte um sie herum sammelten und langsam wieder verblassten.

“Das ist in der Tat ein mächtiger Name, und ich verstehe, warum Ihr Eure Namen nicht jedem Preis gebt. Aber jetzt sage mir noch, Áchior, welche Aufgabe ist es, die auf mich wartet? Welche Kräfte müssen beschworen werden, um sie zu erfüllen?”

“Ach, nein, keine grossen Kräfte, Janus”, lächelte der Drache, “Und es ist auch keine grosse Aufgabe, nicht desto trotz ist sie sehr wichtig für mich und die anderen Drachen. Wir brauchen nämlich einen Drachenreiter.”

“Einen… Einen Drachenreiter?”, fragte Janus verdutzt.

“Ja, einen Drachenreiter. Nur kann nicht jedes beliebige Wesen einen Drachen reiten. Es muss ein reines, mutiges Herz haben, es muss seine eigene Liebe zum leuchten bringen können, und solche Lebewesen sind sehr selten. Oh, natürlich kann jedes Wesen all das, aber nicht in dem Maße, wie es für einen Drachenreiter erforderlich ist.”

“Hm. Und warum sollte ich einen Drachen reiten?”

“Dazu muss ich Dir ein wenig über mein Volk, die weissen Drachen erzählen. Alle 21.000 Jahre brauchen wir eine neue Königin. Das ist nämlich ihre Lebensspanne. Ohne Königin könnte mein Volk nicht lange existieren, denn sie ist die Quelle unserer Kraft, und zugleich die einzige Drachenfrau, die Nachkommen haben kann. Es ist so, dass wir zwar sehr lange leben, aber unserer Körper nicht unsterblich sind. Das ist auch gut so, denn wir werden geboren, wir wachsen auf, wir werden alt, und damit auch gebrechlich. Und die Essenz, die uns unsere Seelenkraft gibt, ist an einen materiellen Körper gebunden.
Du musst wissen, dass wir vom Volke der weissen Drachen früher rein geistige Wesen waren, bis wir uns entschieden, in die reale, materielle Welt zu gehen. Das hatte viele Gründe, die ich jetzt nicht weiter erklären kann. Damit unsere Seelen, und damit das, was wir wirklich sind, in der materiellen Welt bleiben kann, braucht unsere Selle  gewisse Fähigkeiten und Kräfte, die wir durch die Essenz erhalten. Diese Essenz verbraucht sich, und wenn sie verbraucht ist, stirbt der Körper, und wir müssen einen neuen Körper finden.
Dafür ist unsere Königin da. Du musst wissen, dass alle weissen Drachen von der Königin geboren werden. Nur die Königin selbst muss aus einem Kristallei schlüpfen, denn sie ist anders als wir übrigen Drachen.
Der Ort, an dem die Kristalleier wachsen, ist für uns allein jedoch unauffindbar. Für ein Wesen reinen Herzens, das seine Liebe leuchten lassen kann, ist jedoch ganz einfach, diesen Ort zu finden – seine Liebe wird ihm den Weg weisen, und es muss dem auserwählten Drachen sagen, wo sich dieser Ort befindet. Es ist noch nicht einmal gefährlich, es ist mehr wie ein Spazierflug. Die einzige Schwierigkeit besteht für uns darin, ein solches Wesen zu finden. Und ich bin seeeehr glücklich, dass ich Dich, lieber Janus, endlich gefunden habe.”

Janus brauchte eine Weile und musste ein paar mal nachfragen, bis er er sicher war, dass es wirklich so einfach war, wie es zu sein schien.

“Lass mich raten, Áchion,”, sagte Janus,” DU bist der auserwählte Drache, der mit meiner Hilfe ein neues Kristallei finden soll.”
“Ganz genau. Es wird auch garnicht lange dauern, bis zum Abend werde ich Dich wieder hier absetzen. Oder an einem anderen Ort, falls Du es wünscht. Bist Du bereit?”

“Aber natürlich! Sehr gerne werde ich Dir helfen, lieber Drache, aber sag mir noch eins: Was wäre passiert, wenn Du mich nicht, oder zu spät gefunden hättest?”

“Ein zu spät kann es nicht geben, Janus. Und wenn ich Dich NICHT gefunden hätte, dann würde es keine weissen Drachen mehr geben, verstehst Du? Zumindest nicht als körperliche Lebewesen. Wenn kein neuer Körper mehr da ist, dann bleiben wir das, was wir schon immer waren – geistige Wesen. Diese Zeit wird sicherlich irgendwann wieder anbrechen, Janus, denn so sagen es unsere Legenden. Aber bis dahin, hoffe ich, werden noch viele Königinnen aus einem Kristallei schlüpfen. Nun, Janus?”

Janus kletterte auf den Áchions Rücken, und dieser breitete seine grossen Flügel aus. Mit einem Satz waren sie in der Luft.
Der Wind pfiff Janus um die Nase, er blickte nach unten und sah, dass #Achion sehr schnell flog.

“Eins hast Du mir noch nicht verraten, Áchion. Nämlich, wie ich meine Liebe leuchten lassen soll.”
“Glaub mir, Du wirst es zum richtigen Zeitpunkt wissen.”
“Wann soll das sein?”
“Oh, das werden wir sehen.”, sagte Áchior, und lachte.

Sie waren eine Weile geflogen, und Janus genoss die Aussicht. Mit einem Male wurde ihm ganz warm ums Herz, er lächelte und sagte: “Dort entlang, mein Freund!”, und deutete nach links. Áchior flog in diese Richtung, und nun konnten beide in der Ferne das Meer sehen.
Sie flogen über weite, grüne Wiesen mit vielen bunten Blumen.
“Das ist das Königreich Merl.”, sagte Janus. “Vor langer Zeit gab es dort einen sehr unglücklichen König, der sein Volk mit Gesetzen daran hinderte, ein schönes Leben zu führen. Zum Beispiel durfte niemand bei Sonnenauf- oder Sonnenuntergang draussen sein, damit sich niemand an dem Anblick erfreuen konnte. Tagsüber durfte auch niemand in die Wälder gehen und den Vögeln lauschen, auch Blumen zu pflücken war streng verboten, und Geschenke waren nur einigen wenigen Menschen vorbehalten. Die meisten Verstösse wurden mit langen Gefängnisstrafen und Enteignung geahndet, viele sogar mit dem Tod.”
“Das hört sich nicht sehr angenehm an, Janus. Was ist damals geschehen?”
“Nun, ein Wanderer kam in dieses Land, und schloss mit dem König eine Wette ab. Der König war darauf aus, den Fremden schnell wieder loszuwerden, da er offenbar sehr glücklich zu sein schien. Aber der Fremde durchschaute diesen Gedanken, und schlug dem König eine Wette vor: Wenn er es schaffte, dem unglücklichen König zu zeigen, was Glück und Zufriedenheit bedeuten, sollte dieser die einengenden Gesetze zurücknehmen.”
“Und? Wie hat er das gemacht? Denn dass er es geschafft hat, daran zweifle ich nicht. Die Wiesen dort unten höre ich sogar leise Geschichten raunen.”
“Nun, der Fremde erfuhr, dass der König auch eine Tochter hatte, die er sehr liebte, sich dessen aber nicht bewusst war. Die Tochter lebte die ganze Zeit im Königsschloss, und so half der Fremde ein wenig nach, dass sie genau in diesem Moment zu ihrem Vater ging. Sie freute sich über den unerwarteten Besuch, und weil sie nichts davon wusste, wie schlecht es dem Volk ging, war sie sehr glücklich und liebte ihren Vater über alles. Ihr Vater war sich dessen zwar bewusst, aber er liess diese Gefühle einfach nicht zu.
Aber seine Tochter freute sich so sehr, dass die Mauern um sein Herz zu bröckeln begannen, und der Fremde, der auch ein Zauberer war, legte einen Zauber auf die Wiese, auf der sie gerade standen. Der König hörte plötzlich leise Stimmen, die von weiten Ebenen, wilden Pferden, Drachen und vielerlei Wundersamen zu ihm sprachen. Das brachte die Mauern zum Einsturz, und zum ersten Mal seit langen war der König wieder glücklich.”
“Lass mich raten – der Fremde warst Du, nicht wahr?”
“Ja. Es ist schon lange her, aber ich erinnere mich gerne an diese Geschichte. Ich blieb eine lange Zeit dort, und erweckte viele Wiesen, die heute noch Geschichten erzählen, wenn man sich hinsetzt oder hilegt und ganz still ist. Erst viele Jahre später bin ich weiter gezogen, als der König und seine Tochter längst vergessen waren und niemand mehr wusste, wer ich war.”

Janus schwieg. Es schien, als ob über dem jetzt nahen Meer ein Licht zu leuchtete.
“Ich sehe etwas, Àchior. Flieg in diese Richtung, und tiefer, es scheint ganz in der Nähe zu sein, wenn ich meine Gefühle richtig deute.”
“Im Meer?”, fragte der weisse Drache ein wenig verunsichert. “Ich kann im Wasser nicht überleben, wenn es so wäre, könnte ich das Kristallei nicht holen. Bist Du Dir ganz sicher?”
“Ja. Ich kann es fühlen. Ganz deutlich sogar. Ich weiss aber auch nicht, wie es gehen soll, wenn Du kein Wasser verträgst. Hier! Genau hier!”, rief Janus plötzlich, “Genau hier muss es sein!”.
Àchior kreiste über der Stelle, die Janus ihm gezeigt hatte.
“Nein. Nein, das kann nicht sein, Janus. Wenn es so ist, kann ich das Ei unmöglich herbeiholen. Janus..?”

Doch Janus war schon von Àchiors Rücken gesprungen, und im Wasser verscwunden.
“Vertrau mir!”, hörte der weisse Drache ihn noch rufen, dann war er nicht mehr zu sehen.

“Oh je…”, sagte Àchior zu sich selbst, und kreiste weiter über der Stelle.

Janus tauchte in das Wasser, denn etwas in ihm hatte gesagt, dass es das einzig Richtige sei. Er tauchte immer tiefer, und fragte sich, wie er unter Wasser atmen sollte. Kaum hatte er diesen Gedanken zu ende gedacht, als ihm bewusst wurde, dass er schon längst atmen konnte. “Unter Wasser atmen?”, wunderte er sich, und stellte fest, dass er Luft, und nicht Wasser atmete. Um seinen Körper herum war ein helles, reinweisses Licht, Liebe strahlte aus seinem Herzen, und vor sich konnte er ein Licht sehen, das ihn führte.
Immer tiefer tauchte Janus, bis er den Grund des Meeres erreichte. Das Licht wies ihm den Weg zu einer Höhle. Vor dieser Höhle lag eine riesengrosse Schlange, die zu schlafen schien.
Vorsichtig näherte sich Janus, und als er den Höhleneingang fast erreicht hatte, öffnete die Schlange ein Auge, und ihr Körper rollte sich vor den Eingang.
“Wer izzzzzzzt dazzzzzzzzz?”, zischelte sie.
“Ich bin ein Mensch, und ich bin gekommen, um das Kristallei aus dieser Höhle zu meinem Freund, dem weissen Drachen zu bringen.”
“Wazzz izzzzzzzt Dein Name? Und wazzzz izzzzzt der Name Deinezzzzzz Freundezzzzz?”
Janus war sich bewusst, dass er auf keinen Fall seinen oder den Namen des weissen Drachen sagen durfte, ja, er durfte noch nicht einmal daran denken. Dabei hatte sein Freund ihm doch gesagt, dass es ganz einfach sei, das Ei zu holen.
“Warum willst Du das wissen? Und warum versperrst Du mir den Weg in die Höhle?”
“Dazzzzzz geht Dich garnichtzzzzzz an, Menschlein, zzzzzzzzz.”
“Wenn es mich nichts angeht, was geht Dich dann mein Name an?”
“Zzzzzzz, gut, gut gefragt, zzzzzz”, zischelte die Schlange zurück. “Aber ich bezzzzzztimme, wer in diezzzzzzze Höhle hineinschwimmt.”
“Wie Du siehst, schwimme ich nicht, Schlange. Ich gehe auf zwei Beinen, und nun lass mich durch, denn ich habe wenig Zeit und keine Lust, mit Dir herum zu rätseln.”
“Rääätzzzzzelll…”, zischelte die Schlange zurück, “Rätzzzel mag ich gerrrrne, wenn Du mit mir rääääätzzzzzelllllzzzzt, dann lazzzzzzze ich Dich vielleiiiiicht hinein.”
Janus überlegte. Sollte er sich darauf einlassen? Sein Herz sagte ihm, dass er so schnell wie möglich das Ei besorgen und dann wieder verschwinden solle. Aber dann blickte Janus tief in das Herz der Schlange, und sah…
“Du stellst Bedingungen, um mich in die Höhle zu lassen? Was bildest Du Dir ein? Ich sehe keinen Grund, warum Du mir weiterhin die Zeit stehlen solltest!”
“Du bizzzzzzzt mutig, Menschschschschlein, dazzzzzzz muzzzzzzz ich schschschschon zzzzzzzagennnnn.”
Janus ging auf die Schlange zu und setzte an, einfach über sie hinweg zu klettern.
“ZZZZZZzzzzzZZZZZZZZZZ! Waaaaaage ezzzzzz nichschschschscht!”
Das Zischeln klang jetzt bedrohlich, und Janus fühlte, wie Angst in ihm aufstieg. Doch dann blickte er der Schlange in die Augen und sagte: “Du hast keine Macht, Schlange. Du bist klein und schwach, und ich sehe in Deinen Augen, dass Du Angst hast. Warum? Warum willst Du mehr scheinen, als Du in Wahrheit bist? Kannst Du denn nicht mit dem glücklich sein, was Du hast?”
Die Schlange wurde unsicher, und zog ihren Kopf ein wenig zurück.
“Wazzzzz redezzzzzzt Du da, Menschschschschschlein? Sszszzzzzzzzsssoll ich Dich jetzzzzzzzzt tötennnnn?”
“Du könntest mich niemals töten, Schlange, selbst wenn Du es wolltest. Ich durchschaue Dich. Meine Augen kannst wohl täuschen, nicht aber mein Herz. Und die Macht jener, die Dir ihre Namen nannten, werde ich jetzt von Dir nehmen!”
“ZZZzzzzzzzzschschschzzzzzssszzzz… Nein, nein, nichschschschscht! Ischschschsch werde Dischsssssssch in die Höhle lassssssszzzzzzen, wenn Du mir kein Leid annnnnntuzzzzzzzzzzzzzzzzzzt…”
“Ich will Dir kein Leid antun, Schlange. Ich will Dir helfen. Solange Du von der Macht anderer Wesen Besitz ergriffen hast, kannst Du Deine eigene Macht nicht finden.” Und mit diesen Worten legte Janus der Schlange seine Hände auf den Kopf, und liess die fremden Mächte, die dem Herzen der Schlange innewohnten frei.
“ZZZZzzzzzzzschschschzzzzzsssssschschschzzzzzz… Nein, niiiiiiischschschschschschzzzzzszzsz….” Doch es war zu spät. Die Schlange schrumpfte in sich zusammen, bis sie nicht mehr länger als Janus gross war.
“Wassszzzszzzsssss haszzzzzzzzssst Du gethhhaaaaaaaaaaaaan…”, zischelte sie kläglich.
“Still. Sei ganz still, Schlange. Sei still, und schau.”
Janus hielt der Schlange eine spiegelnde Muschelschale vor die Augen,
“Zzzzschschschschschsch…. Weeeeeeg damiiiiiiit….”
“Nein. Sieh her. Sieh Dich selbst. Du bist kein grosses Monstrum. Sieh Dich an!”
Ob sie es nun wollte oder nicht, den Worten von Janus konnte sie nichts entgegensetzen und wandte ihren Blick der Muschelschale zu.
“Zzzschschschsch… Aber… Daszzzzzzszzzzzz bin ichschschschzzzz?”

Was die Schlange sah, war keine grosse, dunkle, hässliche Schlange mehr. Sie sah einen kleinen, zierlichen, und wunderschönen goldenen Drachen.
“Waszzzszzzzz….”
“Und hör auf zu zischeln, wunderschöner goldener Drache. Denn ich kenne Dein Volk, und ich kenne Deine Geschichte ebenso, wie ich Deinen Namen kenne. Ich weiss, warum ein Fluch auf Dir lastet und ich weiss, wer Dir das angetan hat. Dieses Wesen ist seit langen Jahren gebannt, es kann Dir und Deinem Volk nichts mehr anhaben. Und nun lass mich bitte in die Höhle.”
Der goldene Drache war fassungslos und konnte zuerst garnichts sagen.
“Das… Das ist wahr? So lange habe ich hier gelegen, ohne Mut, ohne HOffnung, nur mit dem Gedanken daran, mächtig genug werden, um den Fluch selber brechen zu können.”
“Ich weiss.”, sagte Janus. “Genau das war ja der Fluch.”
“Dann möchte ich Dir danken, und stehe in Deiner Schuld.”
“Nein. Du schuldest mir nichts, denn nicht Schuld soll uns verbinden, sondern Freundschaft.”
Mit diesen Worten schritt Janus in die Höhle, und er brauchte garnicht weit zu gehen, bis er das Kristallei gefunden hatte. Es war allerdings sehr gross, grösser als Janus selbst, fast so gross wie Áchior.
Janus fragte sich, wie das wohl funktionieren sollte, als das Licht seiner Liebe das Ei umhüllte. Staunend sah Janus zu, wie das Ei immer kleiner wurde, zusammenschrumpfte, bis es nicht grösser als ein Hühnerei geworden war.
“Es sind wahrlich neue Zeiten angebrochen.”, dachte er bei sich, nahm das Ei an sich und machte sich wieder auf den Weg an die Wasseroberfläche.

Àchior war sehr beunruhigt, denn Janus brauchte recht lange. Er wollte sich fast selbst in Todesverachtung ins Meer stürzen und sein Leben riskieren, als Janus´ Kopf aus der glatten Wasseroberfläche auftauchte.

“Janus, endlich. Du hast mir Angst gemacht!”, rief er ihm zu. “Aber Du bist zurück, und ich fühle, dass Du das Kristallei bei Dir hast. Doch wie soll ich Dich aus dem Wasser fischen?”
Janus fiel dazu auch nichts ein, aber als er sich ernstlich fragte, ob er etwas falsch gemacht hatte, fühlte er etwas unter seinen Füssen, das ihn empor hob. Es war der goldene Drache, der ihn über die Wasseroberfläche trug, so dass Áchior ihn ergreifen und Janus auf seinen Rücken klettern konnte.

“Danke, wunderschöner goldener Drache. Ohne Deine Hilfe hätten wir ein grosses Problem gehabt, denn mein Freund kann dem Wasser nicht nahe kommen.”
Doch der goldene Drache war schon wieder untergetaucht, denn wenn Áchior nicht im Wasser leben konnte, dann konnte er nicht an der Luft existieren.

“Wer war das?”, fragte Àchior.
“Das ist eine seeeehr lange Geschichte, mein Freund, die ich Dir gerne einmal erzählen werde, wenn Du möchtest. Aber solltest Du jetzt nicht zurückkehren?”
“Ja, Du hast recht. Mein Volk wartet schon lange auf mich, und das Kristallei muss von der Königin selbst ausgebrütet werden. Seit vielen Jahren bin ich schon unterwegs, und unsere Königin ist nicht mehr in der Lage, neue Drachen zu gebären. Es ist viel vorzubereiten, und meine Hilfe wird gebraucht. Aber wenn alles getan ist, wenn wir eine neue Königin haben, dann will ich Dich gerne wiedertreffen, Janus. Ist Dir übrigens aufgefallen, dass wir uns nicht mit unseren vollen Namen angesprochen haben?”
“Hm. Jetzt, wo Du es sagst… Ja. Und ich weiss sogar, warum…”

So flogen die beiden Freunde zurück, und als sie wieder über dem Königreich Merl waren, bat Janus Àchior, eine andere Richtung einzuschlagen.
“Ich fühle, dass meine Zeit dort, wo ich vorher war, vorbei ist. Es gibt nichts mehr für mich zu tun dort, zumindest nichts, was ich vor Ort tun könnte. Flieg nach Westen, lieber Freund!”

Und so flog Áchior bis zum Sonnenuntergang, er flog schnell, und sie brachten viele Meilen hinter sich, bis Janus sagte: “Hier! Bitte lande hier.”, und auf die Ausläufer eines hohen Gebirges deutete.

Der weisse Drache landete, und Janus rutschte von seinem Rücken.
“Es ist Zeit, Janus.”
“Ja. Hier. Nimm das Ei.”
Er reichte Áchior das Kristallei, und dieser verschluckte es einfach.
“Das ist die sicherste Art, es zu transportieren. Jetzt musst Du mich nur noch zurückschicken, mein Freund.”
“Gerne. Bist Du bereit?”
“Ja.”
Janus schloss die Augen, aus seinem Herzen floss das reinweisse Licht der Liebe, und seine Stimme liess die Umgebung vibrieren, als er Àchiors vollen Namen aussprach: “FA ÁCHIOR AK ÉLCHÉM. DU BIST FREI ZU GEHEN, WO DIE WEISSEN DRACHEN DEINER HILFE HARREN. DIE LIEBE MEINES HERZENS TRAGE DICH DORTHIN.”
Der weisse Drache verblasste rasch, und bevor er ganz verschwunden war, hörte Janus noch einmal seine Stimme.
“Ich danke Dir, mein Freund. Auf bald…”

Janus stand noch eine Weile da, er fühlte sich etwas betrübt, dass der weisse Drache nicht mehr bei ihm war, denn er hatte ihn sehr lieb gewonnen in den wenigen Stunden. Doch er wusste, dass er Àchior wiedersehen würde.

So begann er, Holz für ein Feuer und ein Lager für die heraufziehende Nacht zu suchen…

 

Leave a Reply

Comment Spam Protection by WP-SpamFree