Udo Kupsch

Geschichten dafür

Janus, wozu sind Mauern da?

by rockrebell - Juli 2nd, 2010.
Filed under: Fantasy, Fragmente. Tagged as: , , , , .

Dieser Text ist ein Fragment aus einem Traum, den Etherianus träumte. Es ist ein Traum von seinem ersten Leben, oder auch seinem zweiten, in dem er zum Krieger der Amina ausgebildet wurde.

Diese Ausbildung ist sehr langwierig, und es gibt nur wenige Aminer, die diese Ausbildung in einem einzigen Leben bis zum anerkannten Krieger tragen können…

“Aber was ist ein Krieger wert, der niemals kämpft? Wie kann er jemals den Sieg erringen?”
“So höre, junger Etherianus, und beantworte mir zuerst diese Frage: Was ist das, den Sieg erringen?”
Etherianus schwieg. Zögernd sagte er: “Den Feind zu besiegen.”, und klang mehr wie eine Frage.
“Nun, Etherianus, die erste Aufgabe des Kriegers besteht darin, die zu schützen, die ihm anvertraut sind. Dies ist eine Kunst, junger Etherianus, keine Feinde zu erschaffen.”
“Aber was ist, wenn…”
“Aber, Aber, Aber! Schon dadurch, dass Du in Dir selbst solche Bilder erzeugst, in denen es einen Feind gibt, hast Du den Kampf schon begonnen, noch ehe ein möglicher Feind in Sicht ist.”
“Meister – soll ich denn als Krieger nicht das Kämpfen erlernen?”
“Nein, Etherianus. Als Krieger erlernst Du die Kunst des Friedens. Ein jeder Kampf mit Waffen ist nichts weiter als das Anrennen gegen eine Mauer. Weisst Du, was eine Mauer ist?”
“Natürlich, Meister!”
“Dann erkläre es – was ist eine Mauer?”
“Nun – eine Mauer trennt das Innen vom Aussen, so habt Ihr es mich gelehrt.”
“Das sind meine Worte. Verstehst Du sie auch?”
“Ja.”
“Dann erkläre meine Worte, wenn Du sie verstanden hast.”
“Nun, äh… Eine Mauer dient dem Schutz vor… Dem Wetter, zum Beispiel. Sie schützt das Getreide, die Tiere und…”
“Halt! Etherianus, schon wieder sprichst Du vom Feind!”
“Aber das Wetter ist doch kein Feind! Meister?”
“Und schon wieder ein Aber. Was ist das Wetter anderes, als ein Feind, wenn Du Dich davor schützen musst? Oder das Korn?”
“Das Korn verdirbt, wenn es nass wird.”
“Und lebst Du nur vom Korn allein?”
“Nein, Meister. Ich habe es wohl doch noch nicht verstanden…”
Der Meister schwieg eine Weile.

“Du hast nicht darüber meditiert, Etherianus. Sonst wüsstest Du die Antwort. Du bist jung, und gleichzeitig alt. Zu alt, meine ich bisweilen. In Deinem Kopf ist zuviel Kampf, zuviel dagegen.
Eine Mauer, Etherianus, ist ein Bollwerk, das gegen einen Feind errichtet wird. Wenn Du keine Feinde hast, dann brauchst Du keine Mauern. Wenn es Dir am Vertrauen und der Liebe mangelt, dann zweifelst Du. Wenn Du zweifelst, Etherianus, dann bekommst Du Angst. Und mit dieser Angst kommt auch der Feind. Und jeder Feind, mein junger, alter Schüler, entsteht zuerst in Deinem Kopf.
Verstehst Du das? Kannst Du fühlen, was ich sage?”
“Ihr meint, dass ich keine Feinde habe, wenn ich keine Angst habe?”
“Richtig. Jede Angst sucht sich sofort einen Gegner, der sie rechtfertigt und begründet. Aus Gegnern werden Feinde. Es sieht so aus, als hättest Du das verstanden.
Eine jede Mauer ist nur dazu da, Dich von dem Feind in Deinem Kopf zu trennen. Sie trennt die Welt, in der Du lebst, in das Innen und das Aussen. Das, was Innen ist, drängt dann nach Aussen, doch es hat Angst vor dem Aussen. Und das Aussen, Etherianus, versucht immer, in das Innen zu dringen, und je höher und stärker Deine Mauern sind, desto stärker wird auch die Anstrengung auf beiden Seiten.
Du glaubst, dass es zuerst den Feind gibt und dann die Mauer. Das stimmt nicht, Etherianus. Es ist genau anders herum. Jede Mauer sucht sich ihren Feind, der gegen sie anrennt. Und jeder Krieg ist gegen Mauern gerichtet. Je stärker Du gegen sie anrennst, desto höher und stärker wird sie. Nun geh – meditiere darüber.”
“Ja Meister…”

 

Leave a Reply

Comment Spam Protection by WP-SpamFree